Modefotografie – das Lächeln der Frauen

Eine Freundin fragte mich neulich, warum die Frauen, die ich für Paula Immich fotografiere so selten lachen auf den Fotos. Ich fand ihre Frage interessant und habe mir Gedanken dazu gemacht. Lachende Frauen in der Fotografie – welche Aussage steht hinter dem (Mode)Foto einer lächelnden oder lachenden Frau?

Lachen ist eine Reaktion und kein Ausdruck

Lachen ist eine Reaktion auf etwas und kein Ausdruck per se. Damit ist es sowohl schwierig ein echtes Lachen beizubehalten als auch aufzuzeichnen, geschweige denn auf Kommando zu reproduzieren. Man muss schon sehr schnell sein um den kurzen Moment des Lachens mit der Kamera einzufangen. Zudem müssen, wenn wir von Modefotografie sprechen, gleichzeitig Licht, Körperhaltung, Frisur und auch noch das Outfit stimmen. Technisch also eine ziemliche Herausforderung.

Die Erwartung der Gesellschaft an Frauen ist zu lächeln

Die  Neurologin Abbe Macbeth fand in einer Studie Anzeichen dafür, dass die Erwartung der Gesellschaft an Frauen ist zu lächeln. Frauen, die das nicht tun, wirken schneller unfreundlich als Männer. Männer werden selten als zickig wahrgenommen.  Frauen, die in den Medien lachend dargestellt werden, wirken auf mich oft sehr angepasst an dieses Frauenbild. Lächelnde Frauen in der Fotografie wirken schnell anbiedernd, gänschenhaft. Auf die Spitze getrieben wird dieses Schema in der Werbung: Frauen, die in Verbindung zu Waschmittel, Tütensuppen oder Rasierern gestellt werden, müssen lachen oder zumindest lächeln. Eine ernst zu nehmende Autorin oder Wissenschaftlerin sieht man eher selten lachend fotografiert.

Darf die Kunst lachen?

Als der Modefotograf Peter Lindbergh in einem Interview über Modefotografie mit dem Spiegel magazin gefragt wurde, ob die Kunst lachen darf, antwortet der: „Lachen ist eindimensional, es radiert alles aus. Andere Emotionen sind nuancierter, sind besser.“

Das Lächeln der Frauen und die Modefotografie

Schaut man sich Modefotos der 50iger Jahre bis in die 80iger Jahre an, wird man feststellen, dass auf den Fotos viel gelacht und gelächelt wird. Die Frau sollte – oder wollte – gefallen. Sie sollte anschmiegsam sein und bezaubern. Ab der 90iger Jahren wurde es regloser um die weiblichen Mundwinkel: in der Modefotografie war das ‚resting bitch face‚ der letzte Schrei. Zu lachen gab es für die Frau nun zwar nichts mehr, stattdessen nahm der Gesichtsausdruck eine Qualität an, die scheinbar signalisieren sollte, dass die Frau allzeit bereit sei für einen blowjob.

Das Fotografieren:  kreativer ‚Plan‘ und Momentaufnahme

Am Anfang eines jeden Shootings steht das gegenseitige Kennenlernen zwischen dem Mensch vor der Kamera und dem hinter der Kamera,  in dieser Phase wird – meist aus Verlegenheit – viel gelacht.  Das Lachen übernimmt Anfangs oft die Funktion eines Schutzes ist mir aufgefallen. Man verbirgt sich hinter dem Lachen. Wenn die Person vor der Kamera entspannt und sich wohl fühlt, verschwindet interessanterweise meist auch das Lachen.
Während des Fotografierens bin ich neugierig, wer diese Person, vor der Kamera ist. Was sie ausmacht, was speziell und besonders an ihr ist. Ich suche nach den kurzen Momenten, in denen ich meine, das Wesen durchscheinen zu sehen. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich ein Bild von meinem Entwurf, also dem Outfit  das sie trägt, im Kopf habe. Ich versuche also die Frau dorthin zu manipulieren, wo sich mein Eindruck von ihr und das Bild meiner Vorstellung überschneiden. Das Ergebnis daraus ist dann im besten Fall eine Kombination aus einem wahrhaftigen Ausdruck und dem ‚kreativem Plan‘ in meinem Kopf – und wenn aus dieser Zusammenarbeit ein Lachen entsteht, um so schöner.

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